Die 50Er Jahre: Vom Trümmerland Zum Wirtschaftswunder

Die 50Er Jahre: Vom Trümmerland Zum Wirtschaftswunder

Autor : Georg Bönisch,klaus Wiegrefe
Geschlecht : Bücher, Politik & Geschichte, Geschichte nach Ländern,
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Die 50Er Jahre: Vom Trümmerland Zum Wirtschaftswunder

Über den Autor und weitere Mitwirkende Georg Bönisch, geboren 1948, ist seit 1982 Redakteur des SPIEGEL und Autor mehrerer Sachbücher, unter anderem schrieb er über das Verhältnis zwischen Köln und Preußen und verfasste eine Biographie über den Kölner Kurfürsten und Erzbischof Clemens August von Bayern. Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. Blühende Landschaften Die Deutschen entdecken die Gründerjahre der Bundesrepublik. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Reformstau blicken sie mit Nostalgie und Neugier auf die Ära des Wirtschaftswunders. Doch wie entstand aus den Trümmern der Diktatur einer der liberalsten Staaten Europas? VON KLAUS WIEGREFE Die Gründung des erfolgreichsten deutschen Staates aller Zeiten erfolgt in einem umgebauten Turnsaal. Eine schwarzrotgoldene Fahne sowie die Flaggen der Länder verbreiten ein wenig Pathos. Die Frauen erscheinen in Kostümen, die Männer in dunklen Anzügen, denen allerdings anzusehen ist, dass sie zumeist aus der Vorkriegszeit stammen. Im letzten Augenblick muss noch das Programm geändert werden. Carlo Schmid von der SPD hat dem Organisten beim Proben zugehört. Der brave Musiker intoniert das Kaiserquartett von Joseph Haydn, die Melodie des Deutschlandliedes. Schmid findet die Hymne mit dem doppeldeutigen Text der ersten Strophe ('Deutschland, Deutschland über alles') nicht geeignet für den feierlichen Anlass; schließlich haben die Alliierten das Stück verboten, weil es auch im 'Dritten Reich' Hymne war. Man einigt sich auf ein Werk von Georg Friedrich Händel. Die Uhr zeigt 16.07, als ein hochgewachsener älterer Herr namens Konrad Adenauer die Sitzung des Parlamentarischen Rats in der Pädagogischen Akademie zu Bonn eröffnet. Der Versammlungspräsident ist viele Jahre Kölner Oberbürgermeister gewesen und hat zur Feier des Tages ein Tintenfass und eine silberne Ratsherrenglocke aus seiner Heimatstadt entliehen, damit er nicht - wie sonst - mit einer CDU-Kreisparteitagsklingel bimmeln muss. Fast neun Monate haben die Abgeordneten über die 146 Artikel des Grundgesetzes beraten, wie die Verfassung des neuen Staats genannt wird. Nun ruft Adenauer die anwesenden 68 Damen und Herren einzeln nach vorn, damit sie den Gesetzestext unterschreiben. Anschließend setzen auch die Ministerpräsidenten der Länder und die Landtagspräsidenten ihre Namen unter das Dokument. Dann singen die Volksvertreter das alte Burschenschaftslied: 'Ich hab mich ergeben, mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland.' Man schreibt den 23. Mai 1949, und mit Ablauf dieses Tages erblickt die Bundesrepublik Deutschland das Licht der Welt. Groß sind die Hoffnungen nicht, die auf der zweiten deutschen Demokratie ruhen. Das Land zerstört, fast jeder sechste Deutsche durch Krieg, Holocaust und Vertreibung umgekommen, und täglich verlesen getragene Stimmen im Rundfunk stundenlang die Suchmeldungen des Roten Kreuzes. Männer mit gelben Blinden-Armbinden oder beinamputierte Kriegsversehrte in abgenähten Hosen mühen sich durch die Ruinenlandschaften der zerbombten Städte, in denen Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten ausharren. Als umso bemerkenswerter empfinden die Zeitgenossen den rasanten Wandel, der schon bald einsetzt und die kühnsten Hoffnungen übertrifft. Von einem 'Wunder' ist später die Rede, denn anders können sich viele nicht erklären, wie aus dem verwüsteten Weststaat in einer halben Generation eine angesehene Mittelmacht mit blühenden Landschaften wird. Die Westdeutschen verdoppeln zwischen 1950 und 1959 das Bruttosozialprodukt. Sie verzehnfachen ihren Exportüberschuss und steigen zur weltweit erfolgreichsten Handelsmacht nach den USA auf. In vielen Städten sind Großbaustellen zu besichtigen, wie der amerikanische Ex-Diplomat Charles Thayer 1957 beobachtet: 'In ganz Deutschland ragen Kräne in den Himmel und sind von früh bis spät in Bewegung, nachts im Glanz gigantischer Scheinwerfer, bei Regen und Schnee, und bauen und bauen auf.' Und dann die Politik, auch sie wirkt wie ein Wunder. Trotz Millionen ehemaliger Nazis, Hunderttausender Mörder, ungezählter Schreibtischtäter etabliert sich in wenigen Jahren eine stabile Demokratie, von Adenauer, inzwischen zum Kanzler gewählt, fest im Westen verankert. Keine Terrorangriffe aus dem Untergrund, wie sie heute die Anhänger Saddam Husseins im Irak verüben. Statt politischen Chaos eine funktionstüchtige Regierung, loyale Beamte, hohe Wahlbeteiligungen, klare Mehrheiten. Eigentlich wäre bei einer solchen Bilanz zu erwarten gewesen, dass Zeitgenossen und Nachwachsende mit Stolz und Anerkennung auf die Gründerjahre blickten. Doch das fiel schwer, denn auf der Ära von Währungsreform, Westgründung, Wiederbewaffnung lag zugleich eine bleierne Schwere. Was für Widersprüche. Arbeitskräfte sind Mitte der Fünfziger knapp, und Frauen stellen ein Drittel der Beschäftigten - aber die Verheirateten unter ihnen benötigen die Erlaubnis des Ehemanns, um arbeiten zu dürfen. Die Bundesrepublik vereinbart mit Israel Wiedergutmachung, und im Kanzleramt zieht Hans Globke die Strippen, der den Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mit verfasst hat. Adenauer trifft sich mit dem Herrscher des kommunistischen Weltimperiums Nikita Chruschtschow in Moskau, um die letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion nach Hause zu holen. Gleichzeitig riskieren in Hamburg, München oder Düsseldorf die Sympathisanten von Marx und Lenin Hausdurchsuchungen, ihren Job, sogar Haftstrafen. Das neue Deutschland - ein zwischen Aufbruch und Beharrung zerrissenes Land. In Kassel wird die Documenta ins Leben gerufen; auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 präsentiert die westdeutsche Avantgarde leichte Architektur und elegantes Design. Hingegen dominieren Gelsenkirchener Barock und Tütenlampen im 'Wohnlokus mit germanischem Hockergrab', wie die kleinen Neubauwohnungen mit Sitzbadewanne verspottet werden. Und überall die Angst vor dem Unkontrollierbaren, dem Randständigen, der Minderheit. Beinahe jedes zehnte Kind ist unehelich. Aber wer etwa seinem Sohn erlaubt, mit der Freundin im Elternhaus zu nächtigen, riskiert bis zu fünf Jahre Haft - das sieht der Paragraf über schwere Kuppelei vor. Auch Homosexuelle müssen aufpassen, dass sie nicht im Gefängnis landen. Die Intellektuellen verachten die frühe Bundesrepublik. 'Wir hatten die - von Gott geschenkte - Chance, ein Modell zu sein', trauert 1961 der Schriftsteller Wolfgang Weyrauch. Und so empfindet es bald auch die nachwachsende Intelligenz der 68er, die den Älteren 'Restauration' vorwirft - ein Label, das lange haftet. Inzwischen sind die 68er und ihr zeitweilig den Diskurs bestimmendes Geschichtsbild allerdings selbst in die Jahre gekommen. Ihr Konflikt mit den Vätern hat sich längst erledigt, auch Kalter Krieg und deutsche Teilung sind Geschichte, und so verändert sich die Perspektive. Die Seismografen der öffentlichen Stimmung - Demoskopen, Ausstellungsmacher, Medienleute - registrieren schon seit einiger Zeit eine bemerkenswerte Begeisterung, die der Frühphase der Bundesrepublik zuteil wird und fast alle Lebensbereiche umfasst. Knapp zwei Drittel der Deutschen verbinden mit den Gründerjahren nicht mehr Rückwärtsgewandtheit, sondern 'einen frischen Aufbruch'. Angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Reformstau und leeren Kassen fällt der Blick mit Bewunderung auf eine Ära, in der Unternehmen händeringend Arbeitskräfte suchten und die Kassen des Finanzministers überquollen. So einen wie Adenauer bräuchte man wieder, lautet der Refrain von Besuchern im Haus des ersten Kanzlers, das in Rhöndorf bei Bonn zu besichtigen ist. Längst hat die Werbebranche die Ikonen der Zeit für sich entdeckt. Mitsubishi schaltet Anzeigen mit dem Konterfei von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, dem Inbegriff des Wirtschaftswunders. Die Leasinggesellschaft Albis sucht mit dem Verweis auf Adenauer ('Deutschlands großer Vereinfacher') Kunden zu gewinnen. ZDF und Sat.1 lockten das Publikum mit Dokumentationen oder Film-Epen über die Berliner Luftbrücke; bei der ARD kamen in der Serie 'Unsere 50er Jahre' vor allem die kleinen Leute zu Wort. Der Filmproduzent Harald Siebler ließ an 19 verschiedenen Orten Deutschlands den Kinofilm 'GG 19' drehen, der den Deutschen das Grundgesetz nahebringen soll. Vorbei die...

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